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Wenn man einmal krank wird …


Marco, 23.12.2009

Man stelle sich vor, man wird krank. Vielleicht wird man auch so krank, dass man ins Krankenhaus muss. Nur wer stellt eigentlich fest, dass eine stationäre Aufnahme erforderlich ist?

Seit nunmehr fünf Monaten sind wir hier zu Hause zu dritt. Allein diese Tatsache lässt die Wahrscheinlichkeit schon steigen, dass einer unserer kleinen Familie irgendwann einmal krank wird. Wir sind ja nun zu dritt, und der Kleinste ist auch der Anfälligste. Nämlich gegen alles, was im Winter so an Ansteckendem durch die Gegend schwirrt. Die Erreger sind zwar nicht ansteckender als im Sommer, aber unser Immunsystem ist geschwächt, da durch Lichtmangel und die tiefen Temperaturen die Abwehr des Körpers nicht mehr ganz so gut funktioniert. Wie ist es dann, wenn mal als Neuling auf dieser Welt ein Immunsystem hat, dass noch nicht so »fit« ist, wie bei den Großen? Richtig, früher oder später wird der kleine Mann krank. Dies ist die Geschichte einer zweiwöchigen Odyssee unseres Sprosses, der seine erste große Krankheit zu überstehen hatte.

Alles fing mit erhöhter Temperatur, Husten und einer laufenden Nase an. Mit dem Wissen von heute, hätte uns ein Wert von 38°C allerdings nicht weiter beunruhigt. Und mal ehrlich, ein fittes Kind, rege und rastlos, hat eben keine Temperatur von 36,9°C. Damals jedoch, es war an einem Donnerstag, waren wir doch schon in Alarmbereitschaft. Doch dann kam der Samstag. Der Papa war mit dem Lütten allein unterwegs und zwar zum Einkaufen. Schon im Laufe des Tages war klein Jonah ungewöhnlich ruhig, schlief viel und war einfach lieb. Viel zu lieb! Beim Einkaufen war er das auch weiterhin, bis er gegen Ende der 90 minütigen Irrfahrt monoton anfing zu stöhnen, sich nicht mehr wecken ließ und einfach nicht ansprechbar war. Der Witterung entsprechend war er dick angezogen, und machte bis kurz zuvor einen fitten Eindruck. Die leichte Bronchitis der vergangenen Tage war nicht mehr zu bemerken.

Nun aber ging alles Schlag auf Schlag. Papa mit Bleifuss nach Hause, den kleinen Mann aus dem Auto, Jacke aus, Hose aus, Fieberthermometer … naja, was man halt so macht: 39,2°C! Hose an, Jacke an, rein ins Auto und ab zum »zentralen allegemeinmedizinischen Notdienst des Landkreises Helmstedt« ins Krankenhaus. Um es vorweg zu nehmen, das einzig positive an diesem Besuch war die durchaus nette und bemühte Schwester, die nachdem wir beide »abgefertigt« wurden, sagte: »Wenn mal wieder etwas ist, dann fahren Sie besser gleich woanders hin!« Das lässt tief blicken. Die Ärztin vor Ort hat nicht einmal die Temperatur bestimmt. Mehrmaliges Achselzucken führte lediglich zu dem Rat, wir sollen es doch mit Fieberzäpfchen versuchen. Die einzige wirkliche Untersuchung war die obligatorischen Sichtprobe mit dem Spartel in den Rachen und ein Blick in die Ohren. Diagnose? Ja, irgendeine Diagnose wird es gegeben haben. Welche weiß ich aber nicht.

Fieberzäfchen! Gesagt, getan. Nach heutigen Wissensstand hätte ich sie aber nicht gegeben. Wieder zu Hause, war die Temperatur bereits wieder auf 38°C gefallen. Zwar nicht gut, aber auch noch nicht wirklich auffällig. Fieberzäpfchen in diesen Temperaturbereichen helfen der Heilung kaum. Fieber ist ja zunächst nichts Böses, sondern der Versuch des Körpers, mit den in ihm angreifenden Erregern fertig zu werden. Und diese Erreger mögen die erhöhten Temperaturen einfach weniger als die körpereigenen Zellen. Zudem werden durch das Fieber Botenstoffe freigesetzt, die das Immunsystem aktivieren. Wenn man nun das Fieber künstlich senkt, wird der Körper in seiner Arbeit behindert. Ein wenig Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Körpers ist vielleicht manchmal garnicht so schlecht.

Klein Jonah ging es also besser. Doch in der Nacht begann er, sich zu übergeben, so dass wir uns entschieden, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Nicht mit der Absicht, ihn da zu lassen, aber in der Absicht, dass ihm wirklich geholfen wird. Um es vorweg zu nehmen, dableiben musste er dennoch, geholfen wurde ihm auch nur bedingt. Nur um welchen Preis? Und hier kommt unser Gesundheitssystem ins Spiel. Dieses fortschrittliche System, das natürlich nur das Wohl der Patienten zum Ziel hat. Wenn das nicht so ist, warum dann der Name »Gesundheitssystem«? Wäre der Name »einseitiges Bereicherungssystem« nicht passender? Schließlich sollte ein Name doch den Inhalt beschreiben, ganz wie bei Spülmittel. Dass aber Namen nicht immer alles passend beschreiben, zeigt auch die Bezeichnung »Lenkradfernbedienung«. Was macht dieses Gerät? Das Lenkrad fernbedienen? Vielleicht ist es mit dem Namen »Gesundheitssystem« vergleichbar. Aber ich schweife ab ….

Nach der stationären Aufnahme im Krankhaus begannen nun die Leiden unseres Leiblings. Die ersten Tage schlief er viel – natürlich, er war ja krank. Das Werkeln der Ärzte kann man aber getrost als »Stochern im Dunkeln« beschreiben. Von einer Mandelentzündung, einer Lungenentzündung, Eisenmangel (auf den ich gleich noch komme), einen Harnwegsinfekt und Rachitis war alles dabei. Die Medikation erfolgte entsprechend. Als nach mehreren Versuchen – was auch immer versucht wurde – keine Erfolge zu verzeichnen waren, das Fieber also nicht sank, kam die Wunderwaffe der modernen Medizin: das Antibiotikum! Erst in Form eines Saftes mit den üblichen Nebenwirkungen wie Erbrechen und Durchfall, und dann per Spritze. Diese aber, weil es bei Babies nicht so einfach ist, die Vene am Arm zu finden, in den Kopf! Das Schreien höre ich übrigens noch immer. Ein im Moment noch sichtbares Zeichen, dass es am Arm zu Problemen kommen kann, sind diverse Einstiche, die wohl aber keine Treffer waren.

Was aber macht ein Kind, dass mit einem Alter von fünf Monaten eben nicht lesen, fernsehen oder was auch immer machen kann, um sich einen zehntägigen Aufenthalt im Krankenhaus etwas angenehmer zu machen? In den ersten Tagen ist das sicher Schlaf. Doch irgendwann geht es dem Kind einfach besser. Was tut es dann? Vielleicht ist das arrogant, aber wir denken, in der Hinsicht sind wir wirklich gute Eltern. Fünf bis sechs Stunden in zwei Etappen waren wir täglich für unseren Kleinen da. Das Zimmer war immer mehr oder weniger gefüllt mit den verschiedensten Kindern. Ein Kind, etwa neun Monate alt, das seit mindestens einer Woche keinen Besuch bekommen hatte, und sich den Tag damit vertrieb, sich von einer Seite auf die andere Seite zu rollen, kein Spielzeug weit und breit. Ein anderes Kind, das zwar Besuch bekam, aber den ganzen Tag schrie, ohne Unterlass. Was soll es auch machen, es ist allein, wenigstens die meiste Zeit. Und diese Kinder müssen dann auch noch zusehen, wie wir täglich zwei Mal einen ihrer Kollegen besuchen, der auch noch mehr als genug Spielzeug hat. Jonah aber ist fünf Monate alt. Was macht er wohl mit dem Spielzeug, wenn er allein ist? Nichts! Wer steckt ihm den Schnuller wieder rein, wenn er ihn verloren hat und schreit? Niemand! Wer ist dafür zuständig? Die Schwestern! Nun möchte ich hier nicht die Leistung der Schwestern schmälern. Was kann eine Schwester leisten, die auf einer Station mit 20 Kindern ALLEIN ist? Nur das Nötigste eben!

Die Folgen sind dann, dass man als Eltern zum nachmittaglichen Besuch im Krankenhaus ankommt, und den kleinen Mann in seinem eigenen Erbrochenen vorfindet, das bereits so festgetrocknet ist, das der Schlafanzug nur mit Mühe vom Laken zu trennen ist. Das führt dann dazu, dass auf der Station davon augegangen wird, dass wir, die Eltern, das Kind selber füttern (und das, obwohl wir schon seine Nahrung jeden Tag vorgekocht dort anliefern müssen, damit er überhaupt etwas bekommt), und an einem schlechten Tag, der kleine kranke Mann (wir erinnern uns gerade eben fünf Monate alt) fast sieben Stunden nichts zu essen bekommt. Laut des Chefarztes sind die Schwestern anghalten, alle 30 Minuten nach jedem Kind zu sehen. Tja, manchmal waren wir vier Stunden dort, und haben niemanden im Zimmer gesehen. Weil wir da waren vielleicht? Sind wir nun auch noch für das Versorgen der anderen Bewohner von Jonahs Zimmer verantwortlich?

Was ist von den Aussagen eines Chefarztes zu halten, der alle Argumente mit Gegenargumenten versorgt, auf Fragen die Antworten verweigert oder lieber die Presse als die Patienten bedient? Was machen die Stationsärzte bei so einem Chef? Die Eltern sollen einem Arzt vertrauen, der auf seine 40jährige Erfahrung als Kinderarzt verweist, aber einem Kind mit einem Infekt und einem angeblich diagnostizierten Eisenmangel ein Eisenpräparat verschreibt. Dazu muss man wissen, dass Eisen ein wichtiger Stoff für das Gedeien der Erreger ist. Aus diesem Grund reagiert ein fiebernder Körper damit, kein Eisen aufzunehmen, auch wenn es ihm zugeführt wird. Das Präparat zur Beseitigung des Eisenmangels ist ohnedies ein Präparat mit Nebenwirkung. So kann es zum Beispiel zu Durchfall kommen. Das kann wiederum ein Symptom bei der Infektion mit Rotaviren sein. Diese soll Jonah übrigens auch gehabt haben, was für ein Zufall. Aber zurück zum Eisen. Nicht nur, dass die Verabreichung des Eisenpräparates den eigentlichen Eisenmangel unter diesen Umständen nicht beseitigen kann, gegebenenfalls düngt es die Erreger auch noch. Nach sieben Tagen herrschte aber unter den Ärzten noch immer Ratlosigkeit darüber, warum denn das Fieber nicht sinkt. Ja warum nur?

Ein weiterer Punkt war die Harnwegsinfektion. Hier hätte zur Absicherung der Diagnose laut unseres Kinderarztes eine Ultraschalluntersuchung der Nieren erfolgen müssen. Das wurde aber natürlich nicht gemacht. Dafür aber eine Sonographie des Kopfes, eine Ultraschalluntersuchung also. Warum aber des Kopfes? Weil unser Kleiner leider Aufgrund der Vorbelastung durch das KISS-Syndrom einen abgeplatteten Hinterkopf hat. Den Grund hierfür schien der Chefarzt in der mangelnden Versorgung mit Vitamin D zu sehen. Das ließ sich zumindest aus seinem Fragen schließen: »Haben Sie kein Vitamin D gegeben? Haben Sie sich mal den Kopf des Kindes angesehen?« NEIN, haben wir nicht. Das Kind wohnt bei uns im dunklen Keller, wir schauen uns das nicht an. Das KISS-Syndrom kommt für den Arzt mit 40jähriger Berufserfahrung leider nicht in Betracht, weil es sowas nicht gibt und dies neumoderne Geldschneiderei sei. Na dann.

Apropos Geldschneiderei. Ein System, dass den Versicherten immer größere finanzielle Opfer abverlangt, ohne auch nur das Geringste an Gegenleistung dafür zu bringen – im Gegenteil, man muss immer mehr selber tragen – kann doch selbst nicht gesund sein. Wie kann an der Grundversorgung gespart werden, und das schon für die Kleinsten? Ein fünf Monate altes Baby, dass den ganzen Tag auf sich allein gestellt ist, und wo die Eltern noch Angst haben müssen, dass es an dem eigenen Erbrochenen erstickt, ist nun der bei weitem ungeeignetste Kandidatat, um den Konzernen der Pharmaindustrie die Taschen voll zu machen.

ABER: klein Jonah ist wieder zu Hause. Hier geht es ihm gut. Hier kann er gesund werden. Und somit wünschen wir drei allen, die bis hierher durchgehalten haben, ein wunderschönes Weihnachtsfest! Der gute Rutsch kommt später ;-)

Hier noch ein kleiner, gut gemeinter Rat: Werd’ niemals krank!


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Janina & Marco HILLEBRECHT
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